31.12.2010 – Berlin – Es geht los!

Meine Sachen sind gepackt. Ich bin nicht nach hinten umgefallen, dafür nun um 19,5 kg schwerer. Wow, das möchte ich nicht alle Tage an meinem Körper haben. Ich fühle mich so beweglich und agil wie eine Schildkröte. Die besten Voraussetzungen für eine flinke Höhenwanderung am Vulkan.

Langsam steigt eine latente Unruhe in mir auf, die sich wie Prüfungsangst anfühlt. So abwegig ist der Gedanke nicht. Heute steht bestimmt schon Englisch auf dem Plan und morgen kommen dann noch Spanisch und Rechnen, besser gesagt Umrechnen dazu. Ein Glück gibt es darauf keine Noten.

Wenn alles gut verläuft, werde ich heute 18:35 Uhr von Berlin Tegel nach Paris starten. Von Paris geht es 23:20 Uhr weiter nach Santiago de Chile, wo ich hoffentlich inklusive Gepäck und Guter Laune 09:35 Uhr landen werde.

Schauen wir mal wie heute das Wetter aussieht: 

  • Santiago de Chile 24° C, leicht bewölkt mit schwachem Wind
  • Punta Arenas 16° C, wolkig mit steifem Wind (Da sind schwere Rucksäcke ziemlich nützlich!)

Anmerkung: Ich kann mich an diesen 31.12.2010 heute noch genau so erinnern, als wenn es erst gestern gewesen ist. Was sich hier so locker flockig anhört, war in Wahrheit eine richtige Zitterpartie. Herr K. war so lieb und hat mich gegen zeitigen Nachmittag von Leipzig nach Berlin gefahren. Aufgrund des Schmuddelwetters fuhren wir lieber etwas früher los. Wir hatten noch viel Zeit in Berlin und tranken Café im Schweinske. Mit jeder Minute stieg meine Aufregung. Ich schaffte es kaum meinen Apfelsaft zu trinken und zitterte. 

Irgendwann fuhren wir dann zum Flughafen. Herr K. hielt an, holte das Gepäck aus dem Kofferraum und begleitete mich ganz kurz in den Flughafen, gab mir einen flüchtigen Kuss, drehte sich um und verschwand blitzschnell.

Ich war total verdutzt. Der konnte es wohl gar nicht schnell genug abwarten wieder nach Hause zu fahren. Lässt mich hier einfach stehen. Wir sehen uns immerhin sechs lange Wochen nicht. Dieser elende Schuft!

Aber ich merkte sehr schnell das dies eine gut Taktik von ihm gewesen ist. Meine Angst wog in diesem Moment mindestens so viel wie die beiden Rucksäcke, vielleicht aber auch mehr. Wäre er länger geblieben, wäre ich wieder ins Auto gesprungen und mit zurück nach Leipzig gefahren. Die Kosten für das Flugticket mit 1.200,00 EUR waren mir in diesem Moment total egal, Hauptsache nach Hause.

Aber nun hing ich hier fest. Wie sollte ich um diese späte Zeit an Silvester von Berlin nach Leipzig kommen? Und was noch viel schlimmer ist, wie sollte ich das erklären das ich nie in Chile war? Diese Blöße, diese Peinlichkeit, ich hätte mir morgens im Spiegel nicht ins Angesicht sehen können ohne mich selbst dafür zu verachten. Nein, du bist jetzt hier! Du gehst jetzt augenblicklich durch die Kontrolle, sofort! Los doch! Ich hörte sogar auf mich und ging einfach los. Mit jeder Minute die verging, wurde die Angst weniger und ich begann mich tatsächlich auf das Abenteuer zu freuen. Ich sah schon förmlich, wie sich die Seiten des Blogs mit meinen Geschichten füllten…

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